ratgeber Notdienstorganisation Apothekengesetz Bereitschaftsdienst Sicherstellungsauftrag

Wie organisieren sich Apotheken im Notdienst? Das System erklärt

Redaktion apovz.de
Titelbild: Wie organisieren sich Apotheken im Notdienst? Das System erklärt

Es ist 2:30 Uhr morgens. Die meisten Menschen schlafen. Doch in Deutschland halten in diesem Moment rund 1.200 Apotheken Wache. Hinter verschlossenen Türen, mit gedämpftem Licht, aber voll einsatzbereit für medizinische Notfälle.

Doch wie funktioniert dieses System eigentlich? Wer entscheidet, welche Apotheke wann Dienst hat? Und warum wird der Bereitschaftsdienst ausgerechnet morgens um 9 Uhr gewechselt? In diesem Ratgeber nehmen wir Sie mit hinter die Kulissen eines der zuverlässigsten Gesundheitssysteme Europas.

Der gesetzliche Auftrag: Keine Freiwilligkeit, sondern Pflicht

Anders als ein Bäcker, der seine Öffnungszeiten frei wählen kann, sind Apotheken Teil der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Das bringt besondere Verantwortung mit sich.

Der Sicherstellungsauftrag im Apothekengesetz

§ 1 des Apothekengesetzes (ApoG) legt fest: Apotheken haben die Aufgabe, die “ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung der Bevölkerung” sicherzustellen. Das bedeutet konkret:

  • 24 Stunden am Tag
  • 365 Tage im Jahr
  • Flächendeckend in ganz Deutschland

Wenn Sie also eine Apotheke betreiben, ist der Notdienst nicht optional. Es ist vielmehr eine der Grundvoraussetzungen für die Betriebserlaubnis.

Was passiert bei Verweigerung?

Apotheken, die ihren Notdienst nicht antreten, verstoßen gegen ihre Berufspflichten. Die Folgen können drastisch sein:

  • Ordnungswidrigkeitsverfahren durch die Landesapothekerkammer
  • Bußgelder von mehreren hundert bis tausend Euro
  • Im Wiederholungsfall: Prüfung der persönlichen Zuverlässigkeit
  • Schlimmstenfalls: Entzug der Betriebserlaubnis

Die Behörden nehmen das sehr ernst – schließlich geht es um Menschenleben.

Das Notdienstkreis-System: So wird die Last fair verteilt

Würden alle Apotheken gleichzeitig Notdienst leisten, wäre das wirtschaftlich nicht tragbar. Würde jede Apotheke nur sporadisch einspringen, wären die Lücken zu groß. Die Lösung: Ein ausgeklügeltes Rotationssystem.

Wie Deutschland in Notdienstkreise eingeteilt ist

Die Bundesrepublik ist in regionale Notdienstkreise untergliedert. Diese Einteilung erfolgt nach:

  • Bevölkerungsdichte
  • Geografie (Stadtgrenzen, Landkreise)
  • Anzahl der verfügbaren Apotheken
  • Erreichbarkeit und Verkehrsanbindung

Beispiel Großstadt: In Berlin-Mitte gibt es auf 10 km² etwa 40 Apotheken. Hier ist die Dichte so hoch, dass jede Apotheke nur alle 15-20 Tage an der Reihe ist.

Beispiel Landkreis: Im ländlichen Raum, etwa in der Eifel, teilen sich vielleicht nur 8 Apotheken einen Kreis. Hier kann der Turnus auf alle 5-7 Tage fallen – mit entsprechend längeren Anfahrtswegen für Patienten.

Wer plant die Einteilung?

Die Organisation liegt bei den Landesapothekerkammern. Diese erstellen:

  • Langfristige Notdienstpläne (oft 6-12 Monate im Voraus)
  • Faire Rotation unter Berücksichtigung der Betriebsgröße
  • Ausgleichsregelungen für Urlaubs- und Krankheitszeiten

Apotheker können ihre Dienstzeiten nicht frei wählen. Sie können aber in Absprache mit Kollegen tauschen, wenn beide Seiten zustimmen und die Kammer informiert wird.

Der 24-Stunden-Rhythmus: Von 9 bis 9

Die meisten Notdienste folgen einem klaren Zeitplan: Beginn morgens um 9:00 Uhr, Ende am Folgetag um 9:00 Uhr.

Warum 9 Uhr und nicht Mitternacht?

Diese Uhrzeit hat praktische Gründe:

  1. Übergabe während regulärer Arbeitszeit: Um 9 Uhr ist das Tages-Team bereits vor Ort. Medikamente, die nachts bestellt wurden, können nahtlos bearbeitet werden.
  2. Vermeidung von Lücken: Der Wechsel um 9 Uhr bedeutet, dass die Nachtschicht bis in den Vormittag reicht – eine Zeit, in der Patienten erfahrungsgemäß vermehrt Rezepte einlösen.
  3. Rechtssicherheit: Durch den festen 24-Stunden-Rhythmus ist klar geregelt, wer wann zuständig ist.

Ein typischer Notdienst aus Apotheker-Sicht

9:00 Uhr - Dienstbeginn: Der Apotheker übernimmt regulär die Tagesschicht. Kunden kommen und gehen wie gewohnt.

20:00 Uhr - Beginn der Notdienstzeit: Die Apotheke schließt offiziell. Ab jetzt läuft nur noch der Notdienst. Die Haupttür wird verschlossen, die Notdienstklingel aktiviert. Oft schickt der Apotheker nun das restliche Personal nach Hause.

20:00 bis 6:00 Uhr - Bereitschaft: Der Apotheker bleibt in der Apotheke. Es gibt meist einen Ruheraum mit Liege. Bei jeder Klingel muss sofort reagiert werden – manchmal klingelt es dreimal pro Nacht, manchmal gar nicht.

6:00 bis 9:00 Uhr - Frühschicht: In diesen frühen Morgenstunden trudeln oft die ersten Kunden ein. Der Apotheker ist bereits seit 24 Stunden im Dienst.

9:00 Uhr - Schichtwechsel: Der nächste Kollege übernimmt. Der Notdienstler geht nach Hause – nach 24 Stunden Bereitschaft.

Wichtig: Nicht jeder Apotheker macht die komplette Schicht allein. In größeren Apotheken wechseln sich Teams ab. Aber gerade in kleineren, inhabergeführten Betrieben bedeutet Notdienst tatsächlich: 24 Stunden durchgehend präsent.

Die Notdienstklappe: Warum Kunden nachts draußen bleiben

Fast jeder, der nachts eine Apotheke aufsucht, kennt das Bild: Eine verschlossene Tür, ein beleuchtetes Schild “Notdienst”, eine Klingel, eine kleine Durchreiche.

Gründe für die geschlossene Tür

1. Sicherheit des Personals Apotheken führen Medikamente, die auf dem Schwarzmarkt begehrt sind (Schmerzmittel, Schlafmittel). In den Nachtstunden ist das Risiko für Überfälle höher. Die verschlossene Tür mit Sichtschutz minimiert dieses Risiko.

2. Energieeffizienz Warum den gesamten Verkaufsraum beleuchten und heizen, wenn nur eine Person vor Ort ist? Die Klappe ermöglicht es, nur den Arbeitsbereich hinter dem Tresen zu nutzen.

3. Konzentration auf Wesentliches Im Notdienst geht es um schnelle, sichere Medikamentenabgabe. Kunden sollen nicht durch die Regale streifen, sondern ihr benötigtes Präparat nennen und erhalten.

Wie die Abgabe funktioniert

  1. Klingeln: Sie drücken die Notdienstklingel
  2. Identifikation: Oft gibt es eine Gegensprechanlage oder ein kleines Fenster
  3. Rezeptübergabe: Sie zeigen Ihr Rezept oder nennen das Medikament
  4. Wartezeit: Der Apotheker bereitet alles vor
  5. Ausgabe durch Klappe: Medikament und Quittung werden durch die Durchreiche gereicht
  6. Zahlung: Bar, häufig auch per EC-Karte (je nach technischer Ausstattung)

Besondere Herausforderungen im ländlichen Raum

Während Großstädter meist eine Notdienst-Apotheke in unter 10 Minuten erreichen, sieht es auf dem Land anders aus.

Die Realität in dünn besiedelten Regionen

Längere Anfahrtswege: In manchen Landkreisen kann die nächste Notdienst-Apotheke 15-25 km entfernt sein. Für Patienten ohne Auto wird das zum Problem.

Häufigere Dienste: Wo es weniger Apotheken gibt, müssen diese öfter ran. Eine Landapotheke kann alle 5 Tage im Notdienst sein – eine enorme Belastung für kleine Teams.

Lösungsansätze:

  • Apotheken-Kooperationen (gemeinsame Notdiensträume)
  • Lieferdienste für immobile Patienten
  • Telefonische Beratung und Reservierung

Trotz dieser Herausforderungen halten auch ländliche Apotheken die Versorgung zuverlässig aufrecht – oft mit enormem persönlichen Einsatz der Inhaber.

Finanzierung: Warum die 2,50 Euro Notdienstgebühr allein nicht reicht

Der Notdienst ist für Apotheken wirtschaftlich eine Belastung. Das Personal muss bezahlt werden, auch wenn in manchen Nächten kaum Kunden kommen.

Die realen Kosten einer Notdienstnacht

Eine Beispielrechnung für eine mittelgroße Apotheke:

  • Personalkosten: Ca. 200-400 € (Apotheker + eventuell PTA)
  • Energiekosten: Etwa 20-40 €
  • Versicherung und Sicherheit: Anteilig ca. 10-20 €
  • Warenwirtschaft, IT-Systeme: Laufende Kosten

Gesamtkosten pro Nacht: Etwa 1.000 bis 1.100 Euro

Diesen Kosten stehen durchschnittlich Einnahmen von etwa 950-1.000 Euro gegenüber: Die Notdienstpauschale aus dem Nacht- und Notdienstfonds betrug im ersten Quartal 2024 rekordhohe 474,09 Euro pro Vollnotdienst. Hinzu kommt ein durchschnittlicher Rohertrag von etwa 480 Euro aus Medikamentenverkäufen während der Nachtschicht.

Die Rechnung: Selbst mit der Notdienstgebühr von 2,50 Euro pro Kunde decken die meisten Apotheken ihre Kosten nicht vollständig. Im ländlichen Raum, wo nachts nur wenige Kunden kommen, ist der Notdienst fast immer ein Verlustgeschäft.

Fazit: Der Notdienst ist für viele Apotheken wirtschaftlich defizitär – eine Solidarleistung der Apothekerschaft für die Gesellschaft.

Digitalisierung: Die Zukunft des Notdiensts?

Moderne Technologie verändert auch die Notdienst-Organisation:

Aktuelle Entwicklungen

1. Online-Notdienstsuche Apps und Websites (wie unsere) zeigen in Echtzeit, welche Apotheke gerade Dienst hat.

2. Elektronische Rezepte (E-Rezept) Ermöglichen künftig vorherige Prüfung der Verfügbarkeit – Sie wissen schon vor der Fahrt, ob Ihr Medikament vorrätig ist.

3. Telefonische Vorabklärung Immer mehr Apotheken bieten an, Rezepte vorab per Foto zu senden, damit alles vorbereitet ist.

4. Lieferdienste Manche Notdienst-Apotheken bieten in Notfällen auch nächtliche Zustellung an (meist gegen Aufpreis).

Was Sie als Patient tun können

Tipps für den reibungslosen Notdienstbesuch

Vor dem Besuch: ✓ Telefonisch anrufen und Verfügbarkeit prüfen
✓ Rezept fotografieren und per WhatsApp senden (wenn angeboten)
✓ Öffnungszeiten und Anfahrt checken

Beim Besuch: ✓ Rezept und Versichertenkarte bereithalten
✓ Bargeld oder EC-Karte mitbringen
✓ Geduld mitbringen – nachts ist weniger Personal vor Ort

Nach dem Besuch: ✓ Quittung aufbewahren (für Steuererklärung)
✓ Bei Problemen: Feedback an Apothekerkammer

Zusammenfassung: Ein System, das funktioniert

Das deutsche Apotheken-Notdienst-System ist komplex, aber äußerst zuverlässig:

Gesetzliche Pflicht für alle Apotheken
Faire Rotation durch Notdienstkreise
24-Stunden-Dienste von 9 bis 9 Uhr
Zentrale Planung durch Landesapothekerkammern
Bundesweit ~1.200 Apotheken jede Nacht im Dienst
Sicherheit durch Klappe und geschlossene Räume
Solidarfinanzierung – oft nicht kostendeckend

Es ist ein System, das auf Solidarität und Berufsethos basiert. Wenn Sie also nachts an der Notdienstklappe stehen, denken Sie daran: Auf der anderen Seite steht jemand, der seit Stunden wach ist – für Ihre Gesundheit.


Jetzt Notdienstapotheke in Ihrer Nähe finden

Benötigen Sie aktuell eine Notdienstapotheke? Nutzen Sie unsere Suche für tagesaktuelle Informationen zu geöffneten Apotheken in Ihrer Region.

→ Jetzt Notdienstapotheke finden

Häufige Fragen

Kann eine Apotheke sich vom Notdienst befreien lassen?
Nein, grundsätzlich nicht. Der Notdienst ist gesetzliche Pflicht für jede öffentliche Apotheke in Deutschland. Nur in Ausnahmefällen (z.B. schwere Krankheit des Apothekers bei Einzelbetrieb ohne Vertretung) kann vorübergehend eine Befreiung beantragt werden.
Was passiert, wenn eine Apotheke ihren Notdienst nicht antritt?
Das kann teuer werden. Die zuständige Apothekerkammer kann Bußgelder verhängen. In schweren Fällen drohen sogar Verfahren zur Überprüfung der Betriebserlaubnis. Die Zuverlässigkeit der Versorgung hat absolute Priorität.
Warum sind manche Notdienst-Apotheken so weit entfernt?
Das hängt von der regionalen Apothekendichte ab. Im ländlichen Raum gibt es weniger Apotheken, die sich den Dienst teilen müssen. Die Apothekerkammern versuchen, die Entfernungen so gering wie möglich zu halten, müssen aber auch die Belastung fair verteilen.
Gibt es nachts weniger Personal in der Apotheke?
Ja, in der Regel ist ein Apotheker mit einem technischen Assistenten im Dienst – deutlich weniger als tagsüber. Deshalb kann die Bedienung nachts etwas länger dauern. Bei komplexen Rezepturen oder mehreren Kunden gleichzeitig bitten wir um Geduld.
Wie weit im Voraus steht fest, welche Apotheke Notdienst hat?
Die Notdienstpläne werden meist für 3 bis 12 Monate im Voraus von den Landesapothekerkammern erstellt. So können Apotheker Urlaube planen und Vertretungen organisieren.
Können Apotheken untereinander tauschen?
Ja, in vielen Regionen ist ein Tausch mit Zustimmung der Kammer möglich. Das geschieht häufig bei Urlaubsplanung oder unvorhergesehenen Ereignissen. Der Dienst muss aber immer lückenlos abgedeckt sein.

Quellen & Nachweise